Der Shitstorm, der mir fehlt.

Tröglitz ehrenamtlicher Bürgermeister Markus Nierth ist zurückgetreten. Das ist ein brisanter Vorfall, vorsichtig ausgedrückt. Etwas schärfer formuliert, politisch-gesellschaftliches Versagen.

Laut eigenen Angaben hat Markus Nierth sich als Bürgermeister in Tröglitz für die Unterbringung von Flüchtlingen eingesetzt und bereits im Dezember die Bevölkerung informiert. Als Antwort schlug ihm monatelang Protest entgegen, angeführt von Rechten und NPD. Wie leider nur allzu oft, führten die rechten Schäfer nun regelmäßig eine verunsicherte und diffus xenophobe Herde von Einwohnern und herangekarrten Demofaschisten durch den Ort.

Zuletzt, so gewünscht, sogar bis vor das Haus des ehemaligen Bürgermeisters.

Doch dort wollte dieser das geistfreie Blöken fremdenfeindlicher Parolen nun nicht ertragen. Wer möchte sich auch die Wölfe in den volks-besorgten Schafspelzen zumuten, zusammen mit der gepanzerten Polizei als letzte Linie der Verteidigung?

Verwunderlich ist Nierths Rücktritt also kaum. Fatal ist er aber insofern, als dass der ehemalige Bürgermeister betont, dass sein Verzicht auf das Amt nicht der Angst vor den Rechten geschuldet sei.

Er nennt den mangelnden Schulterschluss, die mangelnde Unterstützung übergeordneter Ebenen von Verwaltung und Politik, als Grund für diesen Schritt.

Jeden und jede, die sich eine demokratische und tolerante Gesellschaft wünschen, sollte dieser Umstand zutiefst beunruhigen.

Kein Fuß breit den Faschisten?

Hier haben sie ein ganzes Rathaus bekommen.

Doch wo bleibt die Empörung?

Holger Stahlknecht fährt nach Tröglitz zum Friedensgebet. Wulf Gallert nennt den Rücktritt eine Niederlage für alle Menschen, die sich für Weltoffenheit einsetzten. Selten einig sind die beiden sich da in ihrem Abgesang. Yasmin Fahmini und Cem Özdemir stimmen bereitwillig in die traurige Litanei mit ein.

Und doch bleibt der Eindruck, dass dieser Begräbnischor stimmlich doch recht dünn ist.

Wo sind bitte Wut und Protest, die mit der Schallkraft einer Death Metal Band durch soziale Medien, Stammtische und Straßen dringen, im Widerstreben rechten Gedanken demokratischen Raum Preis zu geben?

Innenminister Holger Stahlknecht lässt in der Volksstimme verlauten „Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass Demonstranten Entscheidungsträger zum Rücktritt bewegen könnten.“.

Das ist kein Eindruck, Herr Stahlknecht, das ist in Tröglitz Fakt.

Man möchte meinen, dass das zivilgesellschaftliche und politische Versagen in Tröglitz in engagierten, demokratischen und antifaschistischen Kreisen sozialer Medien gerade ein großes Echo erfährt. Doch dem scheint nicht so.

Vielleicht fehlt es an Patentrezepten, wie Akzeptanz für Flüchtlinge geschaffen und rechte Ressentiments abgebaut werden können. Vielleicht müsste man sich Fehler und Versäumnisse eingestehen, sei es als SPD, als Juso, oder einfach nur überzeugte Demokrat*in. Und natürlich, auch ein Social Media Shitstorm bringt nicht die Rettung der Welt.

Die Wölfe haben in der Tat die Herde übernommen und der Abgesang ist angestimmt.

Es wäre dennoch ein Fehler zu schweigen.

Denn wo immer die gesellschaftliche Mitte, die Antifaschist*innen und Demokrat*innen still sind, finden die Rechten mit ihrer Hetze Gehör. Das hat Tröglitz wieder einmal bewiesen.

Empört euch also. Seid wütend. Werdet laut.

Und dann lasst uns gemeinsam überlegen, was wir ändern können. ¡No pasarán!

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