Dass Auschwitz nie wieder sei

Unter dem Motto „70 years later looking forward“ fand die jüngste Auschwitz-Gedenkstättenfahrt statt. Ein sehr passendes Motto für ein breites Bündnis von Jugendorganisationen, die sich als antifaschistisch verstehen. 70 Jahre später vorwärtszuschauen heißt nicht mit der Vergangenheit abzuschließen, einen Schlussstrich zu ziehen unter dem was mal war und endlich unbeschwert in die Zukunft zu blicken. Nein. Es heißt erinnern, gedenken und Wut tanken. Ja, Wut. Denn irgendwann wird aus dem verzweifelten Warum ein wütend-entschlossenes Niewieder!

Ich könnte jetzt hier über meine persönlichen Erlebnisse der letzten fünf Tage berichten. Davon wie schön Kraków ist. Davon wie gut die Gedenkstättenfahrt organisiert war. Aber das erscheint mir vor dem Hintergrund der Thematik als zu belanglos. Auch könnte ich davon erzählen, wie berührend die Gedenkzeremonie der israelischen Delegation war. Oder davon wie man einfach dieses unfassbare Ausmaß an Barbarei einfach nicht begreifen kann. Aber dafür fehlen mir einfach die passenden Worte. Viel mehr möchte ich mich damit auseinandersetzen, was Adornos Bonmot, „dass Auschwitz nie wieder sei“, heute für jungsozialistisches Engagement bedeutet.

„Dass sich Auschwitz nie wieder sei“ ist mittlerweile gesellschaftlicher Konsens und bedarf keiner weiteren Begründung. Es liegt in der Verantwortung eines jeden Menschen, die Unmenschlichkeit der Barbarei zu verhindern. Doch der antifaschistische Kampf gegen die Barbarei, welche in Auschwitz gipfelte, darf sich nicht darin erschöpfen, der Infragestellung dieses Konsenses entschieden entgegenzutreten. Nazidemos zu blockieren oder Antisemit*innen öffentlich zu widersprechen ist wichtig und richtig, reicht aber nicht aus. Viel beunruhigender sind die Kontinuitäten innerhalb des Konsenses, denn es sind die grundlegenden gesellschaftlichen Bedingungen für die Barbarei, die auch nach der Befreiung von Auschwitz bis heute weiterexistieren. Die Rede ist von Kapitalismus, Patriachat und blindem Kollektivismus.

Solange Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Solange Menschen sich gezwungen sehen, ihr Humankapital der Nachfrage entsprechend zu optimieren. Solange werden Menschen ihre Identität in Hierarchien und Nationalismus suchen. Solange Menschen sich als ohnmächtigen Spielball der unsichtbaren Hand des Marktes wahrnehmen. Solange werden Menschen ihre Ohnmacht zu überwinden versuchen indem sie Macht und Gewalt über Andere ausüben. Solange Menschen systematisch zum Scheitern verurteilt sind und deswegen gedemütigt und stigmatisiert werden. Solange werden Männer versuchen, ihre gekränkte Männlichkeit durch Unterdrückung von Frauen* zu kompensieren. Solange suchen Menschen Zuflucht im Opium des Kollektivstolzes. Solange kann sich Auschwitz jederzeit wiederholen.

Und das heißt auch: Solange dürfen wir nicht ruhen! „Dass Auschwitz nie wieder sei“ bedeutet Kapitalismus, Patriachat und blindem Kollektivismus den Kampf anzusagen. Immer und Überall. Nicht nur folkloristisch, wie es gern die SPD macht um dann bei der nächsten Gelegenheit lieber wieder der Barbarei Vorschub zu leisten als die Koalition mit der CDU platzen zu lassen. Wer die Überwindung von Kapitalismus und Patriarchat immer wieder auf Morgen verschiebt, riskiert, dass es kein Morgen mehr geben wird. Zumindest nicht für die Menschlichkeit.

Am Samstag in Oświęcim sagte die Holocaustüberlebende Esther Bejarano: „Ihr habt keine Schuld für das, was passiert ist. Aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert.“ In diesem Sinne machen wir uns auch schuldig, wenn wir nichts gegen die erneute Barbarei tun, wenn wir uns nicht mit aller Kraft gegen die Wiederholung von Auschwitz stemmen.

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